038 - Imagepflege mit Lisa Stoll

038 - Imagepflege mit Lisa Stoll

Patrick Stoll
von Patrick Stoll

Heute scheint es oft nur noch ums Image und die Imagepflege zu gehen. Mein heutiger Gast, Lisa Stoll, kennt man aus der Volksmusikszene. Bereits als junges Mädchen trat sie mit dem Alphorn auf und war als das "kleine Mädchen mit dem Alphorn" bekannt. Mittlerweile ist sie eine junge Frau und kein Mädchen mehr. Das Alphorn ist allerdings immer noch da. Mit ihr spreche ich heute über die Imagepflege und die allfällige Angst, ein gewisses Image nicht mehr loszuwerden.

Bevor es losgeht, noch ein Disclaimer: Lisa und ich teilen zwar den gleichen Familiennamen und kennen uns durch unsere Eltern schon lange, aber wir sind nicht verwandt.

Charaktermenschen (CM): Lisa, ich habe es erwähnt: Du bist das Mädchen mit dem Alphorn. Herzlich willkommen bei mir. Mich nimmt wunder: ein Mädchen bist du nicht mehr. Mir sitzt eine junge Frau gegenüber. Wie beschreibst du dich? Wer ist Lisa Stoll?

Lisa Stoll (LS): Danke für die Einladung. Du hast recht, ich bin das Mädchen mit dem Alphorn, weil ich sehr früh mit der Musik angefangen habe. Ich stand schon früh im Rampenlicht und hatte Auftritte. Angefangen hat es mit 12, 13. Da stand ich zum ersten Mal auf der Bühne und gab öffentliche Konzerte. Damals war ich halt das kleine Mädchen mit dem Alphorn. Jetzt bin ich 26, habe noch das Alphorn, bin aber kein Mädchen mehr.

Dieses Image habe ich also nicht mehr, aber viele Leute kennen mich noch von damals. Schön ist, dass mich die Leute heute nicht mehr als Mädchen anschauen.

CM: Das wollte ich eben fragen. Wirst du noch ab und zu darauf angesprochen auf früher, oder ist das vorbei?

LS: Doch, darauf werde ich noch oft angesprochen. Mit 13 Jahren nahm ich am Nachwuchswettbewerb des Musikantenstadels teil. Dieser Auftritt brachte medial enorm viel und wahnsinnig viele Leute schauten das an. Und ganz viele Leute sagen heute noch, dass sie mich damals gesehen und für mich abgestimmt hätten. Noch heute kommt bei praktisch jedem Konzert jemand mit dieser Geschichte. Das finde ich schön.

CM: Das stört dich also nicht? Oder gehört es einfach dazu?

LS: Nein, das stört mich überhaupt nicht. Ohne diesen Auftritt wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Heute kann ich von der Musik leben. Dieser Auftritt war ein grosses Sprungbrett für mich und ich schaue gerne zurück. Ich erinnere mich immer wieder daran, dass das etwas sehr Schönes war für mich und ein Privileg, dass ich dort überhaupt mitmachen durfte.

CM: Wie hast du den Übergang vom Mädchen zur Frau geschafft? Also, nicht physisch oder als Mensch, sondern als Künstlerin, Alphornspielerin?

LS: Das war gar nicht so selbstverständlich. Mit 13 hatte ich den Kinderbonus. Die Leute sahen ein kleines Mädchen, das schwierige Stücke auf dem Alphorn spielte. Da spielte die Musik sicherlich einen wichtigen Teil, aber auch das kleine Mädchen...

CM: ... der "Jö"-Effekt...

LS: Genau. Am Anfang war das ganz klar mein Bonus. Aber wichtig war dann, dass, wenn das kleine Mädchen nicht mehr da ist, die Musik zählt. Allerdings war es dann ja auch wichtig, wie ich mich gab. War ich sympathisch, kam das rüber? Wäre ich jemand, der unsympathisch ist, hätte es nicht gleich funktioniert.

Alles spielt eine Rolle: Die Musik, dass man auf hohem Niveau spielt. Das habe ich glaube ich geschafft. Ich blieb dran, habe viel geübt, um nicht auf dem Niveau, das ich kleines Mädchen hatte, zu bleiben. Gleichzeitig ist mir der Kontakt zum Publikum enorm wichtig. Ich will mit den Menschen interagieren und sympathisch rüberkommen. Das funktionier häufig sehr gut.

CM: Gab es mal eine Zeit, zum Beispiel in der Pubertät, in welcher du Mühe hattest und lieber aufgehört hättest, weil die Leute immer noch das kleine Mädchen sahen?

LS: Das gab es schon, vor allem im Teenager-Alter. Ganz am Anfang trat ich ja in der Tracht auf. Da gabs auch mal einen Punkt, an dem ich die Tracht nicht mehr anziehen wollte, weil ich die Tracht mit meinem jüngeren Ich verband. Mit dem kleinen Mädchen, das ich nicht mehr sein wollte.

Es gab schon solche Momente. Gleichzeitig half es mir, da ich so viele schöne Auftritte machen durfte. Schlussendlich merkte ich, dass es den Leuten gefällt und gut ankommt. Dies motivierte mich, weiterzumachen. Da war es mir dann egal, dass die Leute noch das kleine Mädchen sahen. Ich fokussierte mich dann auf die Musik.

CM: Und die Tracht ist ja auch heute noch Teil deiner Ausrüstung.

LS: Stimmt. Und heute trage ich sie sehr gerne.

CM: Je nachdem kann ein solches Image auch ein Hindernis sein, wenn man nicht mehr rauskommt. Hattest du irgendwann das Bedürfnis, dich vom Mädchen mit dem Alphorn zu befreien?

LS: Hm. Ehrlich gesagt... Hm, es gab schon Phasen, zwischen 15 und 16, in welchen man nicht mehr das Mädchen sein möchte. Damals ging es mir aber nicht unbedingt ums Image. Sondern eher im privaten Rahmen. Man will nicht mehr das Mädchen sein, sondern wird langsam erwachsen und möchte ernst genommen werden. Damals gab es sicherlich solche Situationen. 

Aber sonst hatte ich nie ein Problem mit dem Image des kleinen Mädchens.

CM: Wie pflegst denn du dein Image in der Öffentlichkeit heute?

LS: Spannende Frage. Die habe ich mir noch gar nie gestellt. Ich gebe mich einfach so, wie ich bin. Klar habe ich ein Image, aber ich habe mir das nicht bewusst aufgebaut, wie das heute auch gemacht wird. Ich blieb einfach immer ich selber und gab mich so, wie es mir passt. 

So habe ich mir mein Image aufgebaut, wenn man das so sagen kann. Ich muss mich also nicht verstellen und jeden Tag daran denken, ob das oder jenes jetzt zu meinem Image passt. Ich bin einfach ich.

CM: Ist das schwierig? Wenn man sich selber kennt, ist es relativ einfach, sich selber zu sein. Aber du triffst ja viele neue Leute, die vielleicht auch das Gefühl haben, dich zu kennen von Konzerten oder aus Artikeln. Wie sehr stört es dich, wenn deren Bild von dir nicht dem entspricht, wie du wirklich bist?

LS: (überlegt lange). Das ist doch immer so, nicht? Wenn wir jemand neues kennen lernen macht man sich ja automatisch ein Bild vom Gegenüber. Es ist extrem schwierig, irgendwo hin zu gehen ohne Vorurteil. Finde ich.

CM: Du meinst grundsätzlich, oder? Das betrifft ja nicht nur Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen.

LS: Genau. Wenn ich jemanden treffe, mache ich mir doch immer schon Gedanken, wie diese Person wohl sein wird. Darum stört es mich nicht, wenn Leute schon mit einem gewissen Bild von mir kommen. Das beeinflusst mich ja nicht und es ist schön, wenn sie mich dann richtig kennen lernen.

CM: Gab es schon einmal einen Moment in deinem Leben, in dem du dich geärgert hast, dass dir jemand etwas angedichtet hat, das gar nicht stimmt?

LS: Meinst du, dass...

CM: ... dass du irgendwo beschrieben worden bist oder jemand etwas so über die Lisa geschrieben hat, die er zwar kurz gesehen hat, das Geschriebene aber gar nicht der Realität entsprach.

LS: Hm. Ehrlich gesagt, nein. Oder es fiel mir nie auf. Das kann ich jetzt wirklich nicht sagen, glaube es aber nicht.

CM: Denkst du im Alltag über dein Image nach? Hat das einen Einfluss auf dein Verhalten in gewissen Situationen?

LS: Hm... Die Musik war immer ein Hobby von mir und lange betrachtete ich es nicht als Beruf. Der Fokus war lange Zeit nicht nur auf der Musik, ich machte immer noch etwas daneben. Schule, Ausbildung und so weiter. Und so machte ich mir gar nie Gedanken, wie ich mich zeigen wollte. Was wollte ich jetzt sagen?

CM: Die Frage war eben, ob es gewisse Sachen gibst, die du nicht machst wegen deines Image, obwohl du gerne würdest?

LS: Mein Image bin ja ich selber. Es ja nichts, das ich mir aufgebaut habe und das nicht zu mir passt. Darum gibt es wenige Situationen, in welchen ich zwar etwas machen möchte, es aber nicht zu meinem Image passen würde.

CM: Im Gegenzug gefragt: Gibt es Sachen, die du nicht machen würdest? Oder gibt es Momente, in welchen ein Sponsor eine Bedingung stellst, die deine Grenzen überschreiten?

LS: Ja, das gibt es. Schlussendlich ist mir wichtig, dass etwas zu mir passt und ich dahinter stehen kann. Sponsoren wollen natürlich das Beste für sich raus holen und denken nicht unbedingt daran, wie es denn für die anderen ist.

Da gab es auch schon Situationen, die mir nicht passten. Ich trete beispielsweise immer in der Tracht auf und habe mein Alphorn. Aber ich würde nie ein Logo auf mein Alphorn machen, nur damit es präsent ist.

Ich bekam mal eine Anfrage einer Kleidermarke, die eine neue Botschafterin gesucht hatte. Da überlege ich mir schon sehr gut, ob die Kleidermarke zu mir passt und meinem Image. Da mache ich mir schon Gedanken.

CM: Wo sind denn da deine Grenzen?

LS: Grundsätzlich - bleiben wir bei der Kleidermarke - muss es zu mir passen, mir gefallen. Ich muss hinter dem Unternehmen stehen können. Woher kommt die Ware, wie wird sie produziert usw.

Als diese Anfrage kam, überlegte ich mir, dass ich dann mit dieser Marke in Verbindung gebracht werde. Da überlegte ich mir schon, was die Leute wohl denken, wenn ich damit in Verbindung trete.

CM: Gab es also auch schon Situationen, in welchen du ein Sponsoring abgelehnt hast? Du lebst ja von der Musik und musst Geld verdienen.

LS: Ja, ich habe auch schon Sponsorings abgesagt. Klar verliert man dann Geld oder verdient weniger. Ich glaube, es ist aber auch ein Gewinn. Es hätte ja zu einem Imageschaden führen können. Das kann man nie wissen.

Daher finde ich es besser, wenn ich einfach meine Schiene fahre. Dann kann ich auch zu mir stehen und am Abend beruhigt ins Bett gehen.

CM: Noch eine schwierige Frage: Was wäre für dich schlimmer? Der Imageschaden in der Öffentlichkeit oder die Tatsache, dass du am Morgen nicht mehr vor den Spiegel treten könntest und sagen, dass du zufrieden bist mit dem was und wie du es machst?

LS: Ich glaube, ich hätte mehr Mühe mit mir selber. Ich bin jemand, der sich viele Gedanken macht und es muss einfach passen. Sonst bin ich ja mit mir nicht im Reinen. Der Imageschaden in der Öffentlichkeit würde mich natürlich noch zusätzlich belasten. Aber zuerst muss ich mit mir selber zufrieden sein.

CM: Wenn ich bis jetzt alles richtig interpretiere, ist Bekanntheit für dich nicht etwas Hinderliches im Alltag.

LS: Nein, ich empfinde es nicht als störend. Ich geniesse den Kontakt mit den Menschen. Ich gehe gerne auf sie zu und freue mich, wenn sie auf mich zu komme.

Und bei mir ist es ja auch nicht so, dass hinter jeder Ecke jemand wartet und ein Bild machen möchtet. Das würde mich wahrscheinlich stören, wenn man immer beobachtet wird. Das kann ich nicht sagen.

Ich kann ganz normal durchs Leben gehen, ohne dass mich das gross stört.

CM: Etwas Wichtiges fürs Image heute ist Social Media. Merkst du dort etwas davon, dass dir Leute folgen, die eher unangenehm auffallen?

LS: Ich bin auf Instagram und Facebook aktiv. Ich werde immer aktiver, da ich merke, dass es wichtig ist, um präsent zu sein. Die Leute wollen auch dann wissen, was du machst, wenn du keine Konzerte gibst. 

Am Anfang machte ich das gar nicht gern. Es braucht Zeit, bedeutet Aufwand und ich verstand nicht, wieso ich teilen sollte, was ich gerade mache. Nun merke ich allerdings, dass es die Leute doch interessiert und es ein Teil des Ganzen ist.

Heute lebe ich ja von der Musik, es ist Teil des Marketings. Ich mache ja alles selber und musste erst lernen, dass es wichtige Plattformen sind.

CM: Heisst das, dass es langsam eine Trennung zwischen privater und öffentlicher Lisa Stoll gibt?

LS: Hm... Sachen, die ich mir gar nicht so überlege...

CM: ... sorry...

LS: Nein. Ich sags so: Wenn ich etwas poste, dann ist es meistens nicht gestellt. Ich sage mir nicht: Diese Woche muss ich einen Post machen. Wenn ich etwas veröffentliche, ist es etwas, das effektiv gerade in meinem Leben passiert. Das heisst, das bin dennoch ich, auch wenn ich natürlich an die Musikerin denke, die zeigen möchte, was sie macht. Privat und öffentlich fliessen ineinander.

CM: Bleiben wir bei den kniffligen Fragen: Wie wichtig ist das Image für den Erfolg? Oder bringt der Erfolg erst das Image?

LS: (überlegt lange). Ich sage, dass beides möglich ist. Ich glaube, das Image muss gut sein. Ein schönes oder gutes Image hilft dem Erfolg. Wenn man ein gutes Bild von sich zeigt, spricht das vermutlich mehr Leute an.

Gleichzeitig umgekehrt... Hm. Erfolg bringt das Image.

CM: Hat wahrscheinlich schon was, oder? Gehen wir davon aus, dass das, was du machst, gut machst. Das wird von den Leuten und dem Publikum geschätzt. Das gibt dir wahrscheinlich schon ein gewisses Image, nicht?

LS: Hm. Stimmt. Das war bei mir eigentlich auch so, nicht? Am Anfang war der Musikwettbewerb, den ich gewann. Das war der Erfolg. Und daraus entstand dann eine Karriere und damit auch das Image, das man sich aufbaut. Es geht wahrscheinlich auf beide Arten.

CM: Schwieriges Gespräch für einen 23. Dezember...

LS: ... Ja, aber es sind spannende Fragen, die ich mir gar nie stelle.

CM: Du bist du selber, machst nichts, was dir nicht gefällt. Da gibts Leute, denen das passt und anderen nicht. Aber das ist ja ok.

Denkst du, dass das nachhaltiger ist, da du dich nicht verstellen musst oder wäre es auch möglich, dass du auch eine Rolle spielen könntest? Oder kennst du Leute, die eine solche Rolle spielen, diese aber langfristig nicht durchhalten können.

LS: Ja, solche Leute gibt es definitiv. Die wollen erfolgreich sein, egal womit, auch wenn es etwas ist, das ihnen gar nicht passt. Aber ich könnte das nicht. Für mich muss es passen. Ich kann nicht etwas vorspielen.

Alles, was ich mache, mache ich gern, nicht mit dem Hintergedanken, dass ich möglichst viele Leute damit ansprechen möchte.

Ich bin schon vor allem in der Volksmusik zu Hause, habe aber auch viele Projekte, in welchen ich andere Stilrichtigen ausprobiere. Nächstes Jahr plane ich etwas mit einem Lautenspieler und einer Handorgelspielerin. Das spricht sicherlich weniger Leute an, als wenn ich in der Volksmusik mit Carlo Brunner auftrete. Aber darum geht es mir nicht. Mir gefällt es und darum mache ich das.

CM: A propos gefallen: Zum Abschluss haben wir heute etwas Spezielles, schliesslich ist ja der 23. Dezember. Nach diesen schwierigen Fragen lockern wir es etwas auf. Du hast ein Musikstück mitgebracht. Kannst du uns dazu etwas erzählen?

LS: Genau. Ich finde, es passt sehr gut zu Weihnachten. Es ist allerdings kein Weihnachtslied, da man auf dem Alphorn nicht viele Weihnachtsstücke spielen kann. Es ist eine wunderschöne Ballade. Sie heisst "Spirit of Love". Könnte doch gar nicht besser passen an Weihnachten, die man mit seinen Liebsten feiert.

CM: Wunderbar. Lisa, ich bedanke mich jetzt schon für deinen Besuch und wünsche dir alles Gute.

LS: Vielen Dank, das wünsche ich dir auch. 

Patrick Stoll
Patrick Stoll
Vielseitig interessiert und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten und Wegen.

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