036 - Aus weniger mehr machen

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Es ist durchaus möglich, aus weniger mehr machen zu können. Dies zeigt das Beispiel von Jessica. Nach ihrer Lehre und 2,5 Jahren "auf dem Beruf" arbeiten, entschied sie sich nach langem hin und her, eine Praktikumsstelle anzunehmen. Sie verzichtete auf Lohn und ging das Risiko ein, im Anschluss keine so spannende Stelle wieder zu finden, wie sie vor dem Praktikum hatte.

Doch es kam alles anders als erwartet - im positiven Sinn!


Charaktermenschen (CM): Jessica, willkommen. Ich habe eingangs erwähnt, dass du einen Entscheid fällen musstest, der nicht ganz einfach war. Bevor wir aber ins Thema eintauchen, stell dich doch bitte erst mal vor.

Jessica Wanner (JW): Ich bin Jessica, komme aus Schaffhausen und bin 23. Ich lernte Koch und arbeite jetzt als Rezeptredakteurin bei Betty Bossy.

CM: Wieso lerntest du Koch?

JW: Das war lustig, denn ich hätte nie gedacht, dass ich das machen würde. Ich musste/wollte zwar zu Hause immer helfen beim Kochen, aber bei der Suche nach einer Lehrstelle war ich nie auf die Idee gekommen, Koch zu lernen. Ich suchte in ganz anderen, auch kreativen Bereichen. Überall dachte ich aber immer: "Das ist zwar cool und macht Spass, aber das drei Jahre durchziehen als Lehre? Lieber nein..."

CM: Wieso hast du es trotzdem gemacht?

JW: Also, das war beim Schnuppern der anderen Berufe so. Anschliessend musste ich von der Schule aus noch eine Schnupperlehre machen. Eine Freundin meiner Mutter ist Köchin und sagte, dass ich mit ihr mitkommen solle. Sie arbeitete in einem Altersheim. Das klang für mich nicht so prickelnd, ich wollte wenn schon in einem Restaurant schnuppern. Ich war dann zwei Tage in einem Restaurant und drei Tage bei ihr. Im Restaurant hatte es mir überhaupt nicht gefallen, bei ihr hingegen so sehr, dass klar war, dass dies meine Lehre würde.

CM: Was machte den Unterschied zwischen Restaurant und Altersheim aus?

JW: Beim Schnuppern wars die Mischung zwischen Arbeitszeit und Leute. Ich fühlte mich nicht sehr wohl und die Küche war nicht mehr die schönste und eher klein.

Im Altersheim war es eine grosse Küche mit ganz vielen Leuten, die alle offensichtlich wussten, was sie zu tun hatten. Dieses Geregelte, Strukturierte gefiel mir viel besser.

Ich ging dann noch in ein weiteres Altersheim und machte dort dann auch meine Lehre.

CM: Den Altersheimen bist du also treu geblieben. Wieso? Ist das die einfachere Kundschaft?

JW: Nein. Neben dem Betrieb hatten wir ein öffentliches Restaurant, wir führten Events durch, Hochzeiten, Taufen usw. Wir hatten den ganz normalen à la carte-Betrieb und dann auch die Altersheimküche. Dort mussten wir sehr auf die Wünsche der älteren Leute eingehen. Es ist aber natürlich überhaupt nicht so, dass man einfach alles püriert und ihnen vorsetzt. Wir kochten auf die Älteren sehr schön.

CM: Ok, und jetzt bist du Rezept-Redakteurin. Was ist das?

JW: Genau, ich schreibe Rezepte für Betty Bossi und Fooby. Das heisst, ich entwickle und schreibe Rezepte mit meinen Vorgesetzten. Ich schreibe vor allem Rezepte, sammle Ideen. Wir schauen, was gerade In ist, was passt. Dann kochen und testen wir die Menus und in einem Fotoshooting werden dann die Bilder erstellt.

CM: Wer bestimmt, was gerade in ist?

JW: Der Trend...

CM: Wer setzt den?

JW: Vielleicht gibts ihn schon, vielleicht setzen auch wir ihn. Das ist natürlich sehr cool. Oft ist es eher so, dass wir auf Social Media etwas entdecken, da gibt es immer etwas. Entweder gehen wir da mit, allerdings versuchen wir, den Ausgleich zwischen Trends (für Jüngere) und klassischen Sachen, die in Vergessenheit gegangen sind, zu finden. Schliesslich darf man auch einer Kartoffel die Chance geben, etwas "Feines" zu werden.

CM: Wie darf ich mir deine Woche vorstellen? Kommst du am Montagmorgen in dein Büro und dort steht ein Berg Lebensmittel und beginnst mal zu wüten? Und dabei entsteht dann viel Ausschuss?

JW: Nein, so ist es gar nicht. Am Montagmorgen komme ich ins Geschäft. Gehen wir mal davon aus, dass wir von vorne beginnen. Also: Ideensuche ist angesagt. Wir arbeiten in erster Linie mit dem, was die Natur zur gegebenen Jahreszeit hergibt. Es gibt natürlich auch spezielle Anlässe wie Muttertag oder Halloween.

Dann heisst es beispielsweise: Hey, wir würden gerne dieses Lebensmittel pushen. Solche Vorgaben können auch von Coop (Anm. der Red. Besitzerin von Betty Bossi) kommen. Dann kann ich frei Ideen sammeln. Entweder durchforste ich meinen Kopf oder ich lasse mich von anderen Kochbüchern, bestehenden Rezepten oder vom Internet inspirieren.

Ich schlage dann alles vor und meine Vorgesetzten wählen dann aus. Gemeinsam bestimmen wir, was passt. Wenn das entschieden ist, schreibe ich das Rezept. Manchmal hat man sehr genaue Vorstellungen, manchmal kann ich machen, was ich möchte.

Am PC schreibe ich mein Rezept. Damit gehe ich in die Testküche und teste das. Meistens testen dann 8-10 Rezepte an einem Tag. Ich koche das mit meinen ArbeitskollegInnen. Wir kochen, testen, probieren, schauen, wie Aufwand und Ertrag zusammenspielen usw. An Weihnachten darfs mal aufwändiger sein, sonst ist man evtl. auf der Suche nach einem raschen Mittagessen.

Wichtig sind aber auch Punkte wie Portionengrösse, vermeiden von "Ausschuss". Anschliessend an diesen Prozess arbeite ich das Rezept aus und anschliessend findet ein Fotoshooting mit FotografInnen und Food-Stylisten statt. So entstehen dann die schönen Bilder.

CM: Besteht denn der Anspruch, dass es jedes Mal ein neues Rezept sein muss, dass es so noch gar nicht gibt?

JW: Nein. Manchmal kann man das Rad nicht mehr neu erfinden. Der Anspruch ist vor allem, feines Essen zu machen, je nachdem ein "rasches" feines Essen oder ein feines spezielles Essen zu kochen. Der Geschmack steht aber immer im Vordergrund.

Oft ändern wir auch etwas Bestehendes ab. Zum Beispiel an Stelle eines Zitronencakes macht man einen "Mandarinli-Cake". Es gibt also ganz viele verschiedene Kategorien von Rezepten: aufwändig, weniger aufwändig, neu oder abgeändert usw.

CM: Das klingt spannend. Wie findet man so einen Job? Es gibt zwar sehr viele Kochbücher, aber ich nehme nicht an, dass es in der Schweiz so viele Rezept-RedakteurInnen gibt.

JW: Eigentlich per Zufall. Ich hatte privat auch schon eine eigene Seite auf Instagram und wusste, dass es Leute gibt, die das beruflich machen. Aber ich hatte mich nicht sehr damit auseinandergesetzt.

Ich wollte meine Arbeitsstelle wechseln und bin dann bei der Suche auf eine Praktikumsstelle gestossen. Ich las den Stellenbeschrieb und dachte, dass das noch spannend wäre.

CM: War das direkt nach der Lehre?

JW: Nein, ich arbeitete nach der Lehre noch 2,5 Jahre und wollte dort weg. Den Beruf der Rezept-Redakteurin hatte ich bis dahin auch noch nie gelesen.

CM: Ein Praktikum bedeutet ja immer, dass man wenig verdient und dafür ausgebildet wird. Das war bei dir wahrscheinlich ähnlich: Nimmst du die Praktikumsstelle an, verzichtest du während dieses Jahres auf Geld.

JW: Das war definitiv so, ja. Ich wohnte mit meinem damaligen Freund zusammen in einer eigenen Wohnung. Der finanzielle Aspekt war definitiv wichtig. Ich wusste nicht,  ob ich das Risiko eingehen sollte oder konnte. Es war kein einfacher Entscheid.

CM: Wie gross war das Risiko, dass du nicht mehr in den Beruf hättest zurückkehren können? Das Praktikum war auf ein Jahr angesetzt, da hättest du schon wieder eine Stelle gefunden, oder?

JW: Ich glaube, in der Gastronomie hat man das Glück, dass immer Leute gesucht sind. Die Frage ist nur, ob man die guten Leute, resp. die guten Stellen findet. Leider herrscht auf beiden Seiten ein Mangel.

Ich wusste, dass ich sicherlich wieder einen Job finden würde, die Frage war halt eben,  ob ich einen ansprechenden Job finden würde, der mir Freude macht.

CM: Wieso hast du dich dann doch fürs Praktikum entschieden?

JW: Zwischen dem ersten Mal Stellenbeschrieb lesen und dem zweiten und dritten Mal lesen vergingen einige Wochen. Ich bin kein entscheidungsfreudiger Mensch. Ich bevorzuge es, wenn alles nach Plan läuft und stürze mich nicht gerne in solche unsichere "Sachen".

Mein Freund sagte mir beim dritten Mal lesen, dass ich mich doch bewerben solle, da ich nichts zu verlieren hätte.

Das sah ich ein und machte es. Aber nur schon die Bewerbung zu schreiben war für mich ein grosser Schritt.

Ich wurde dann direkt zum Gespräch eingeladen und konnte drei Tage später zum Test-Arbeiten kommen.

CM: Die nahmen nicht sonderlich Rücksicht auf dein nicht sehr entscheidungsfreudiges Naturell...

JW: Überhaupt nicht. Anscheinend fanden sie sofort, dass ich geeignet bin. Ich war aber schon unsicher und spürte, dass es ernst werden würde. Entschieden habe ich mich dann, weil es für mich eine einmalige Chance war, für solch einen Brand zu arbeiten, den die ganze oder fast die ganze Schweiz kennt. Ich dachte, dass ich es irgendwann wohl bereuen würde, wenn ich es nicht machte.

Auch wenn ich schlussendlich nur ein Jahr dort wäre und weniger verdiente als in meinem Job, würde ich dennoch vieles mitnehmen können, das ich sonst nicht machen konnte.

CM: Du sagtest, dass du kein entscheidungsfreudiger Mensch bist. Wieso du diesen Entscheid gefällt hast, habe ich begriffen. Aber wie hast du ihn gefällt? Respektive: Wie bist du vorgegangen, um zu entscheiden, ob du zusagst oder nicht?

JW: Gute Frage... Ich glaube, am Schluss wars mein Bauch- und Herzgefühl. Plus der Wunsch, etwas eigenes kreieren zu können. Die Vorstellung, dass ich mein Rezept irgendwo sehen kann oder höre, dass jemand mein Rezept fein findet, war schön. So stellte ich mir das vor und so ist es tatsächlich auch.

Ich vermutete, dass ich stolz sein könne, wenn ich dort arbeiten dürfte. Zudem war ich sicher, dass diese Chance nicht ein zweites Mal kommen würde. Also sollte ich sie nutzen. Auf der finanziellen Seite lag es drin, ein Jahr lang weniger zu verdienen.

CM: Es kam ja dann viel besser. Das Praktikum dauerte gar nicht ein Jahr...

JW: Genau, ich hatte viel Glück. Eine Mitarbeiterin kündigte, da sie sich neu orientieren wollte. 

Eigentlich suchten sie jemand älteres mit mehr Erfahrung, aber meine Chefin trat für mich ein. So war ich nur ein halbes Jahr im Praktikum und musste dann schon wieder entscheiden, ob ich bleibe. Ich fragte mich sofort, ob ich das überhaupt konnte. Als Praktikantin hast du immer eine Sicherheit, jemand, der alles kontrolliert und die Verantwortung ist überschaubar. Man hat natürlich auch als Redakteurin noch jemanden im Hintergrund, aber die Verantwortung ist da.

Ich zweifelte echt und dachte, dass ich das gar nicht könne. Eine Stelle mit so viel Verantwortung anzunehmen. Hilfe!

Aber gleichzeitig freute ich mich natürlich, dass ich überhaupt in Frage kam und bin jetzt schon fast ein Jahr fest angestellt und bin mega happy.

CM: Haben diese Erlebnisse etwas an deiner Fähigkeit oder Freude, Entscheidungen zu fällen, geändert? Oder an der Art und Weise, wie du Entscheidungen fällst?

JW: Nein. Leider nicht. (lacht). Es ist für mich immer noch schwierig. Manchmal habe ich Mühe, mir zu vertrauen. Andere sehen viel schneller, was ich kann. Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, dass man eher kritisch ist mit sich selber. Mir fällt es schwer, mir einfach mal zu sagen: "Doch, das hast du gut gemacht." Ich denke es manchmal, aber das auszusprechen getraue ich mich dann doch nicht.

Mein Anspruch an mich ist hoch und ich glaube, es wird noch lange dauern, bis ich das ablegen kann. Ich habe halt einfach alles gerne geschniegelt und geordnet. Darum ist es für mich auch schwierig, das Geordnete, Bekannte zu verlassen und einfach etwas anderes zu machen.

CM: Man könnte ja auch anfügen, dass du jetzt zwei Mal so entschieden hast und zweimal ist es gut gekommen. Also könntest du anfangen, diesem Vorgehen zu vertrauen?

JW: Ja, das könnte man meinen. Ich weiss das ja eigentlich auch. Aber ist wahrscheinlich die Angst vor dem Unsicheren. Davor, was wäre, wenn es nicht klappt. Ich weiss ja im Prinzip, was ich will und kann. Aber den Entscheid zu fällen ist nicht einfach. Ich habe oft das Gefühl, dass wahnsinnig viel davon abhänge. Aber man kann ja alles wieder rückgängig machen.

Es scheint mir eine Kopfsache zu sein. Und am Schluss entscheide ich eigentlich immer aus dem Bauch und dem Herz. Der Kopf macht eh, was er will...

CM: Grundsätzlich könnte man doch sagen: Du bist zwei mal gesprungen und zwei Mal positiv überrascht worden. Das ist ja auch etwas Schönes. 

JW: Definitiv. Mega. Ich würde es im Nachhinein wahnsinnig bereuen, hätte ich diesen Schritt nicht gewagt.

CM: Wunderbar. Mut fassen lohnt sich also. Vielen Dank für deinen Besuch, Jessica und weiterhin alles Gute in deinem Job als Rezept-Redakteurin.


Jessica's Erfahrungen decken sich mit meinen: Es lohnt sich durchaus, offen zu sein und den Sprung zu wagen. Meistens ist das Wasser wesentlich weniger kalt, als angenommen und alles kommt besser als gedacht. 

Falls Du an einem Sprung stehst und denkst, dass ich dich dabei unterstützen kann, melde dich doch unverbindlich bei mir. Ich freue mich auf Dich!

Falls Du Dich kulinarisch inspirieren lassen willst, kannst Du das hier tun.

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